Planet der Luftschiffe

Historical Fiction Roman

Leseprobe
Kapitel 1

In dieser Nacht hatte es geregnet und die Hitze des vorausgegangenen Sommertages auf ein erträgliches Maß reduziert. Durch das geöffnete Fenster des Schlafzimmers wehte sogar ab und zu ein kühlendes Lüftchen. Die Abkühlung kam jedoch zu spät um den schwitzenden Bernd Prager einen ruhigen Schlaf zu gönnen. Es war drei Uhr morgens als der Wecker scheppernd seiner Bestimmung nach ging und Prager aus dem festen Schlaf gerissen wurde in den er erst spät in dieser Nacht gefallen war. Als Kommandant eines Luftschiffes war er es gewöhnt aufzustehen wenn es ein Vorgesetzter, der Dienstplan oder ein Wecker befahl. Heute fiel es ihm trotzdem schwer. Er wuchtete mit größter Anstrengung die Beine unter der Decke vor während sein Oberkörper mit ausgestreckten Armen zum Wecker hin kippte um dem infernalischen Gerassel ein Ende zu bereiten.

Prager saß auf der Bettkante. In seinen Ohren hallte das Getöse dieser herzlosen “Schlafbeendigungsmaschine” aus und sein Gehör wurde wieder aufnahmefähig für die feinen Geräusche des sehr frühen Morgen. draußen im Garten tröpfelten die letzten Regentropfen von Blatt zu Blatt. Zartes flattern von Motten und das Surren anderer nachtaktiver Insekten war zu vernehmen. Erste Flügelschläge einiger Vögel ließen auf einen bald bevorstehenden Sonnenaufgang schließen. Prager saß noch, wie er meinte, einige Sekunden auf der Bettkante bevor er sich erhob. Tatsächlich aber waren knapp zehn Minuten vergangen wie ein Blick auf die Leuchtzeiger des Weckers verriet.

Er ging ans Fenster im Erker und atmete tief durch. Es roch nach feuchter Erde und nach den Blüten der verwilderten Sträucher in Pragers Garten. Durch die frische Luft gestärkt und ermuntert ging er zur Tür. Neben der Tür war der Lichtzünder. Mit ihm wurde ein Ventil für die Gaszufuhr zur Leuchte an der Decke geöffnet und gleichzeitig ein Zündfunke erzeugt der das Gas entzündete. Der Zündfunke war als kurzes “knack” zu hören. Mit einem satten “FLUPP” entzündete sich das Gas und verbreitete im Zimmer sein gelbliches, warmes Licht. Vor dem Fenster tummelten sich jetzt sichtbar zahlreiche Motten und Falter. Einige schwirrten schon kurz danach um die Flammen der Lampe. Manche versengten sich die Flügel, fielen auf den Boden und krabbelten ziellos umher. Andere stürzten sich von Urinstinkten getrieben ins helle Licht und endeten als schwarzer, qualmender Fleck. Prager sah das sich auf dem Boden abspielende Drama genauer an. Einer der Falter hatte keine Flügel mehr und auch nur noch Beine auf einer Seite. Mit diesen drei Beinen drehte er sich eine Weile im Kreis. Immer langsamer werdend bis sie nur noch zuckten, dann Stillstand und Tod. Vor Pragers Auge verschwammen die Bilder mit seinen Erinnerungen an Kriegserlebnisse.

Bernd Prager hatte sich bei Ausbruch des Krieges wie viele andere auch als Freiwilliger gemeldet und ging zur Lehranstalt für Luftschifffahrt der Luftmacht. Seine Ausbilder erkannten dass er viel Gespür für Thermik und Aerodynamik hatte. Man bildete ihn zum Steuermann aus. Im Rang eines Ober-Luftschiffers wurde er sogleich als Steuermann auf einem Jagdschiff eingesetzt. Außer ihm waren an Bord noch zwei MG-Schützen ein Maschinist und der Kommandant. Dieses Schiff gehörte zu einer Rotte von vier Jagdschiffen die am Grenzgebirge zu Kaltland patrouillierten. Ihre Aufgabe war es kaltländische Schiffe die sich auf dem Rückweg zu ihren Basen befanden zu vernichten oder soweit zu beschädigen das sie nicht mehr genug Höhe für eine Gebirgsüberquerung gewinnen konnten.

Es war ihr dritter Tag an dem sie durch den Himmel brummten ohne auch nur ein kaltländisches Schiff zu sichten. Es waren nicht die Kriegsabenteuer die sich Prager, aber auch viele andere Jungluftschiffer wünschten. Es war einer von den miesen, langweiligen Tagen die so gar kein bisschen Heldengefühl aufkommen ließen.

Der Maschinist fummelte gelangweilt an dem Motor, der seit dem Start nie richtig gefordert wurde und nur niedertourig lief. In der linken Hand hielt er einen Schraubenschlüssel mit dem er ein wenig den Zündpunkt justierte damit die Maschine leiser lief. In der rechten Hand hielt er einen Keks von denen er immer ein paar in der Manteltasche hatte. Er bis den halben Keks ab und kaute genüsslich während er mit dem Schlüssel eine Schraube hin und her drehte. Mal ein Stück nach links, dann wieder einen Tick nach rechts.

“Hm”, hörte man ihn unschlüssig. Er biss noch ein Stück von dem Keks ab, drehte an einer anderen Schraube herum und brabbelte dann ein ebenso unschlüssiges “Hm, … nee.” in seinen Bart. Er verspeiste den letzten Happen vom Keks und sagte dann: “Nee, Herr Kommandant. Besser wird’s nicht. Auch wenn ich die ganze Woche dran rum fummle.”

Der Kommandant starrte weiter mit seinem Fernglas aus dem Fenster. Prager beobachtete ihn. Dieser Leutnant war nicht viel älter als er selber. Von ihm wusste die Besatzung nur dass er aus einer Industriellenfamilie stammte und in einer Militärakademie aufwuchs. Er besaß nicht mehr praktische Erfahrung als die vielen anderen Freiwilligen. Schiffskommandant war er erst seit drei Monaten. Ihm war anzumerken das er sich zu Schade war für so ein kleines Jagdschiff. Er wollte mit Heldentaten auf ein “richtiges Schiff” wie er es einmal nannte. Ein Schlachtschiff. Doch Heldentaten ließen in dieser verlassenen Gegend auf sich warten. Die Rotte stand ziemlich weit im Süden des Gebirgsrand. Es war kaum zu erwarten dass sich angeschlagene Schiffe hierher verirrten.

“Arbeiten Sie weiter daran.”, knurrte der Kommandant ohne sich umzudrehen. Er wusste dass es am Motor nichts mehr zu verbessern gab. Er konnte es nur einfach nicht ertragen das sich überhaupt nichts tat in diesem Gebiet.

“Irgendwo seid ihr. Irgendwann kommt ihr raus. Dann …”, murmelte er wieder einmal.

Der Maschinist schüttelte den Kopf und machte sich an seine stumpfsinnige Arbeit. Er drehte an Schrauben, horchte und knabberte seine Kekse.

“Soviel fummel ich nicht mal an meiner Alten ‘rum.” Hörte Prager ihn sagen. Auch ihn befriedigte dieses dümpeln nicht. Es war keine Herausforderung für einen Steuermann. Keine Höhenänderungen, kaum Kursänderungen. Selbst den Kurs halten war bei dieser fast Windstille kaum eine Beschäftigung. Es war mehr wie Ballon fahren. Mann genoss in knapp zweihundert Meter Höhe den Ausblick soweit man für das weite Grün des Vorgebirgswaldes ein Faible hatte. Die beiden MG-Schützen polierten müde an den Läufen der Waffen die ohnehin seit dem Start glänzten. Auch dieser Nachmittag verging ohne dass sich etwas tat.

Knapp eine Stunde vor Sonnenuntergang meldete das Leitschiff über Blinkzeichen eine vermutete Sichtung vor einer Felswand.

“Warum hab ich die nicht gesehen?”, fluchte der Kommandant und richtete seinen Blick auf die Felsen des Gebirges. Die Besatzung erwartete Regungslos die Nachricht dass ein Feind gesichtet wurde. Aber nichts.

“Fehlalarm. Das kommt davon wenn man zu lange durchs Glas schaut.” Meinte ein MG-Schütze hämisch, und die Besatzung lachte.

“Sofort Ruhe im Schiff!”, brüllte der Kommandant, der die Anspielung verstand. Er wollte wenigstens als Erster die Sichtung bestätigen können. Aber in der Felswand tat sich nichts. Eine Weile versuchte der Kommandant noch etwas in der Wand zu finden. Dann nahm er das Glas vom Auge und brüllte: “So ein Mist, ein verdammter!”

Plötzlich sah Prager etwas funkeln. “Schauen Sie, Herr Kommandant. Auf zehn Uhr. zwei Finger breit unter dem Grad.”

Sofort riss der Kommandant das Glas an die Augen. Auch die Mannschaft blickte nun in die Richtung.

“Wo denn?”, fragte der Maschinist erregt.

“Zwischen den beiden Spitzen, etwas rechts vom Plateau.” Zeigte Prager.

“Da is’ nix”, maulte ein Schütze enttäuscht.

Doch dann ein aufblitzen. Noch ein Blitz und dann ein helles Leuchten. Die Untergehende Sonne spiegelte sich in einer der Scheiben des Schiffes.

“Jetzt hab ich dich!”, rief der Kommandant aus. Sofort meldete er dem Leitschiff die Position des entdeckten Schiffes. Die Mannschaft jubelte. Sie war vom Jagdfieber gepackt. Mit Freude wurde der Befehl vom Leitschiff entgegengenommen den Feind in Kettenformation anzusteuern. Durch das Schiff hallten Sprüche wie: “Einen Fetzen von eurem Schiff für meine Sammlung!” oder: “Kaltländerabschuss am Abend, erquickend und labend!”.

“Auf Kampfposten! Waffen laden!”, befahl der Kommandant. Plötzlich war die Prahlerei beendet und flinkes aber organisiertes Treiben herrschte im Schiff. Prager zog die Rückenlehne seines Stuhles aus und schnallte sich an. Der Maschinist setzte sich an seine Instrumententafel um die Maschinenwerte zu überwachen. Die Schützen öffneten die Scharten und luden die Waffen.

“Maschinen, volle Fahrt!”, befahl der Kommandant spürbar erregt.

“Volle Fahrt.”, bestätigte der Maschinist und drehte an einem Rad. Das seichte brummen des Motors wurde zu einem herausforderndem Dröhnen. Jetzt war Verständigung nur noch mit lautstarkem Brüllen möglich. Der Drehzahlmesser schlug aus und auch die anderen Anzeigen blieben nicht still. “Maschine hat volle Fahrt, Herr Kommandant!”, brüllte der Maschinist. Diese Meldung war aber rein der militärischen Ordnung wegen. Volle Fahrt auf einem Jagdschiff war nichts was man nicht von allein bemerkte. Der Motor brachte alles zum schwingen. Die Patronenketten in den Munitionskisten klapperten. Die Seilzüge und Ketten für die Steuerung rasselten in ihren Kanälen und die Keksdose des Maschinisten rappelte wild über den Boden, schlug an einer Wand an um darauf in die andere Richtung zu tanzen.

Sie näherten sich der Felswand. Langsam erkannte man nun auch den Schatten des Rumpfes auf der Wand. Der Kommandant des Leitschiffes identifizierte es als kaltländisches Schiff. Er gab das Signal an die Schiffe in Zwei-Zwei-Formation anzugreifen. Der Kommandant befahl darauf hin: “Volle Kampfbereitschaft.”

Akustisch hatte es bei dem Getöse der Maschine niemand verstanden, aber es war klar was gemeint war. Die Schützen luden die MGs durch, setzten ihre Schutzbrillen auf und kurbelten die auf Schienen befestigten Waffen aus den Scharten. Dann brüllten sie: “Steuerbord feuerbereit!”, “Backbord feuerbereit!”

Der Kommandant griff sich ein Blechmegaphon das von der Decke hing und gab Prager Steuerbefehle.

“Schnelles Steigen auf vierhundert Meter! Zwanzig Grad Steuerbord!”

Prager schlug das Höhenruder hart auf Anschlag und ließ gleichzeitig etwas Balastwasser ab. Die Nase des Schiffes hob sich rasch Gen Himmel. Kurz darauf war die Höhe erreicht und das Schiff wurde wieder in horizontale Lage manövriert. Diese brauchte Prager wegen des Lärms nicht zu bestätigen. In solchen Situationen musste sich der Kommandant auf seinen Steuermann verlassen können. Das feindliche Schiff, das etwas mehr als dreimal so gross war wie ihr Jagdschiff, lag jetzt etwas links unter ihnen. Die Besatzung des angegriffenen Schiffes machte keine Anzeichen sich zu verteidigen oder auch nur die Flucht zu ergreifen. Die Luftschrauben drehten sich langsam, wie im Leerlauf. Der Kommandant schaute kurz nach den anderen Schiffen der Rotte und befahl: “Vierzig Grad Backbord! Maschinen halb voraus!”

Das Dröhnen ließ etwas nach als der Maschinist die Leistung drosselte während Prager das Schiff herum riss.

Das Leitschiff signalisierte “Feuer frei!”

“Jawohl!” brüllte der Kommandant freudig erregt und gab den Befehl an die Schützen weiter. Diese eröffneten, wie auch die Schützen der anderen Schiffe, das Feuer. Die von oben angreifenden Schiffe konzentrierten ihr Feuer auf den Tragkörper mit den darin enthaltenen Gaszellen, die auf gleicher Höhe angreifenden schossen auf die Gondel. Die MGs machten einen Höllenlärm und ergänzten damit den Radau des Motors. Zu diesem Zeitpunkt machte sich niemand darüber Gedanken warum das angegriffene Schiff nichts für seine Verteidigung tat oder wenigstens die Flucht versuchte. Das es mit einigen mattierten Drahtseilen am Boden vertäut war konnte man in der Dämmerung nicht sehen. Es war eine Falle von der noch niemand auf den Jagdschiffen etwas ahnte.

Von seinem Platz aus konnte Prager das angegriffene Schiff nicht sehen. Er musste sich auch auf seine eigenen Instrumente konzentrieren. Die Höhe musste eingehalten werden, und bei einer so relativen Nähe zu der senkrechten Felswand musste er die Thermik im Auge behalten. Vereinzelt sah er durch die Schiessscharte des Backbordschützen einige Funken aus dem feindlichen Schiff sprühen wenn ein Geschoss einen Träger streifte. Prager sah aus dem Fenster um am dahin wehenden Rauch der MGs die Windrichtung zu erkennen. Der Rauch stieg langsam an der Wand Hoch. Beinah verträumt folgte er mit seinem Blick den Schwaden die wie kleine Wattebäusche entschwanden, sich auflösten. Die Sonne stand Knapp über dem Horizont. Plötzlich sah er einen großen Schatten über die Felskante huschen. Er wollte sich vergewissern ob der Schatten von einem anderen hoch angreifenden Jagdschiff war als er bei einem dieser Schiffe schon Geschosse einschlagen sah. Jemand griff sie von oben an.

“Angreifer von oben!”, schrie Prager erschrocken. Der Kommandant hatte das Schiff noch nicht bemerkt. Er starrte wie besessen auf das jetzt zerfetzte, schnell absackende und in Flammen aufgehende Leitschiff. Der Backbordschütze bemerkte den Angreifer. Sofort riss er das MG hoch soweit es möglich war und schoss was die Waffe hergab. Auch die anderen Schiffe schossen jetzt nach oben. Entsetzt drehte sich der Kommandant um.

“Was ist das?”, las Prager ihm von den Lippen ab und hoffte Befehle zu erhalten. Auch der Maschinist saß erschrocken an seinem Pult und hielt mit verschwitzten Händen den Gashebel fest. Doch ihr offensichtlich geschockter Kommandant starrte ins Leere. Einige Sekunden verstrichen ohne dass etwas geschah.

“Scheiße, ich kann ihn nicht kriegen.”, schrie der Steuerbordschütze, “soweit komm ich nicht rum!”.

Die Munition des Backbordschützen war verschossen. Er hatte zwar einige Treffer landen können doch waren diese nicht schwer genug um ein so großes Schiff ernsthaft zu gefährden. Was sie von oben angriff war ein kaltländisches Schlachtschiff mit zwei großkalibrigen MGs und acht kleineren.

“Ihre Befehle?”, schrie Prager. Der Kommandant reagierte nicht. Sein Gesicht war erleuchtet von dem Schein eines brennenden Schiffes, eines eigenen. Man hörte jetzt Einschläge von kleinem Kaliber im Schiffsrumpf. Dieses markante „Flopp“ wenn ein Geschoss die Hüllen durchschlug oder ein “Ping” wenn ein Träger getroffen wurde.

Ihr Glück war es eine Position zum angreifenden Schlachtschiff zu haben, das dieses nur mit den kleineren Kalibern auf sie schießen konnte. Sie waren noch außerhalb des Schusskegels für die großen MGs am Bug des Angreifers, was sich aber, wenn sie nichts unternehmen würden, schnell ändern konnte. Prager ergriff nun die Initiative.

“Sofort volle Kraft zurück!” rief Prager dem Maschinisten zu. Dieser sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

“Das reist die Gondel ab, das geht nicht!”, rief dieser besorgt zurück.

Ein erneuter Feuerschein erhellte die Felswand. Die Tanks des dritten Schiffes der Rotte waren explodiert und seine Trümmer vielen zu Boden. Die scharfkantigen Teile von zerrissenen Stangen und Trägern rissen die Hülle eines darunter fliegenden Jagdschiffes ein das sofort zu Boden stürzte. Der beim Aufprall explodierte Treibstoff bildete eine tiefschwarze Rauchwolke die zu ihnen empor quoll. Der Maschinist zuckte erschrocken zusammen.

“Mach schon!”, schrie Prager. Diesmal tat er es. Er warf den Gashebel auf die Mittelstellung. Blubbernd stoppte der Motor um gleich darauf in anderer Drehrichtung aufzuheulen. Als wären sie gegen einen Felsen gefahren stoppte das Schiff. Die Steuerseile spannten sich, im ganzen Schiff knirschte es gespenstisch. Klirren von Glas lenkte die Männer ab. Ihr immer noch geistesabwesender Kommandant der sich bei diesem Manöver nicht festgehalten hatte war durch die Scheibe in die Tiefe gestürzt.

Das Schiff bewegte sich rückwärts, von der Felswand weg, genau in die aufsteigende schwarze Wolke der am Boden brennenden Wracks. Der dicke Rauch umhüllte nun völlig das Schiff, und machte sich auch in der Gondel breit.

“Maschinen Stopp!”, brüllte Prager und der Maschinist folgte dem Befehl. Mit einem letzten Blubbern verstummte der Motor. Die Männer fingen nun an husten. Der Qualm war jetzt so dick das man nicht von einem Ende der Gondel zum anderen sehen konnte. Prager ließ jetzt allen Ballast ab, und gab den Schützen den Befehl die Waffen über Bord zu werfen. Die beiden hatten durch ihre Schutzbrillen wenigstens den Vorteil dass ihre Augen nicht brannten. Sie konnten zwar ebenso wenig durchatmen wie die anderen, konnten aber noch sehen soweit es der Qualm zuließ. Sie zogen die Haltebolzen und warfen die Waffen durch die Scharten. Das Schiff stieg jetzt schnell nach oben. Es waren keine Einschüsse mehr zu hören. Prager hatte es geschafft die Angreifer einen Moment zu verwirren. Die Rauchwolke die schneller aufstieg als sie gab sie wieder frei. Sie konnten nun wieder durchatmen, wenn auch nur für einen Moment. Sie hatten soweit an Höhe gewonnen das sie außerhalb der Schusskegel des Angreifers waren. Prager wollte sich nun genau über den Kaltländer setzen bevor dieser Höhe gewinnen konnte um wieder auf Pragers Schiff feuern zu können. Prager befahl: “Maschine volle Kraft voraus!”

Der Maschinist reagierte nicht. Er starrte nur auf das Instrumentenpult. Prager rief es ihm noch einmal zu. Dann bemerkte er dass der Maschinist von einer Kugel getroffen war. Der Backbordschütze schnallte sich von seinem Sitz ab und rief: “Ich mach das.”

Er sprang zum Maschinisten und zog ihn vom Stuhl. Der Maschinist plumpste auf den Boden, genau vor Pragers Füße. Prager sah seinen ersten Toten Kameraden. Zeit zum trauern hatte er aber nicht. Der Schütze schob den Gashebel voll durch und drückte die Zündung. Nichts geschah. Er machte ein paar kräftige Züge an der Treibstoffpumpe, und drückte erneut die Zündung. Nichts.

“So ein Mist, das Scheißding läuft nicht an!” brüllte der Schütze verzweifelt. Prager schnallte sich ab und sprang auf. Er eilte zum Motor im Heck. Der Schütze sah mit aufgerissenen Augen um die Ecke. Prager sah sofort den von einem Geschoss zerfetzten Zündverteiler.

“Misst!” brüllte Prager und trat gegen den Motorblock. Der andere Schütze stand nun in der Luke zum Heck und fragte Prager ängstlich: “Was jetzt? die Schweine steigen. Die haben uns gleich!”

Prager wusste in diesem Augenblick auch nicht was sie tun sollten. Er merkte nur dass sie nicht mehr weiter stiegen. In der jetzigen angespannten Stille war auch das zischen von entweichendem Gas zu hören. In diesem Augenblick begann das manövrierunfähige Schiff zu schaukeln. Es war in den an der Felswand aufsteigenden Luftstrom geraten. Prager hatte eine Idee.

“Wir müssen höher, viel höher. Der Luftstrom wird uns hoch schieben. Wenn wir dann über dem Plateau sind steigen wir aus.”, erklärte Prager erregt.

“Wir verlieren Gas, das reicht nicht mehr.”, sagte der Schütze der in der Luke stand.

“Alles raus was wiegt.”, sagte der andere Schütze fast apathisch.

Die ersten Schüsse des steigenden Schlachtschiffs brachten die Mannschaft in Bewegung. Sie warfen alles über Bord. Das Werkzeug des Mechanikers, die Vorratskisten mit den Konserven, die Stühle wurden raus gerissen, Das Megaphon, alles was nicht festgeschraubt war. Prager hatte sich die Signalpistole und zwei Leuchtgeschosse eingesteckt. Das Schiff stieg nun mit der gleichen Geschwindigkeit wie das kaltländisches Schiff. Sie blieben vorerst außerhalb der Gefahrenzone. Die Schützen auf dem ausgeschlachteten Schiff sahen sich um was noch über Bord gehen konnte. Das einzige was sie noch über Bord warfen konnten war der Tote Maschinist um den sie die ganze Zeit herumgelaufen oder drüber gestiegen waren. Sie schauten Prager fragend an, ohne ein Wort zu sagen. Der sagte nach einigem Zögern, “Raus mit ihm.”, und wandte sich dann ab. Er konnte es nicht mit ansehen.

Das Schiff schaukelte nun kräftiger. Die Männer mussten sich ordentlich festhalten um nicht durch die Gondel geschleudert zu werden. Es war mitten in der Luftströmung geraten und stieg jetzt schnell. Es knarrte im ganzen Schiff. Die Männer hörten wie Spannseile und Stoff riss. Das Schiff fing jetzt auch noch an sich zu drehen. Es stiess mit dem Heck an einen vorstehenden Felsen. Teile der Ruderblätter fielen in den Abgrund.

“Der Arsch hängt fest.”, schrie ein Schütze panisch und klammerte sich verzweifelt fest. Die Spitze des Schiffes hob sich weiter. Prager kniff die Augen zu. Würde der Bug weiter nach oben steigen würde es die dadurch aneinander reibenden Gaszellen zerreißen, das Ende bedeuten. Mit einem starken Ruck löste sich das Heck vom Felsen. Die Männer konnten sich nicht mehr halten und flogen durch die Gondel. Das Schiff schlingerte und schaukelte jetzt noch stärker. Ein Schütze konnte sich nicht mehr halten und wurde aus einer der Scharten geschleudert. Prager und der zweite Schütze hatten jetzt völlig die Orientierung verloren. Keiner von beiden wusste ob sie noch am steigen waren oder in die Tiefe stürzten. Ein erneuter Schlag schleuderte die beiden quer durch die Gondel. Ein grässliches Schaben und Kreischen von Metall, das von zerstörerischen Kräften bearbeitet wurde, ließ in den beiden Luftschiffern die Gedanken an das unausweichliche Ende aufkommen. Glas splitterte und flog durch die Luft. Dreck und Staub schleuderte in die Gondel, die nun schräg auf der Seite lag. Prager schlug mit dem Kopf gegen einen Träger und verlor einen Moment die Besinnung. Als er wieder zu sich kam hörte er das wimmern des Schwerverletzten Schützen und das flattern von zerfetzten Stoffbahnen. Der an der Steilwand aufsteigende Luftstrom hatte sie regelrecht ausgespuckt und auf das Plateau geworfen.

Prager rappelte sich auf. Alles tat ihm weh. Außer etlichen blauen Flecken, Schnittwunden und Prellungen schien er sich aber nichts getan zu haben. Der Schütze hatte einiges abbekommen. Er klemmte zwischen gebrochenen Stahlträgern. Sein Gesicht war durch eine schwere Platzwunde an der Stirn blutüberströmt. Das Blut war teilweise schon verkrustet und verklebte seine Augen. Er jammerte immer wieder: ” ich kann nicht sehen, ich kann nicht sehen.”. Ein offener Oberschenkelbruch, eine abgerissene Hand und der damit verbundene Blutverlust ließen sein jammern schnell verstummen. Er war tot. Prager torkelte wie benommen von diesem Anblick zu einem der Fenster. Er hielt sich an einem Träger fest um ins freie zu klettern. Zwischen zwei der Verstrebungen hing die abgerissene Hand des Schützen. Prager stieg von Panik ergriffen aus dem Fenster. Als er festen Boden unter den Füssen hatte fiel er auf die Knie und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Dann lief er auf den Rand des Plateaus zu. Er sah jetzt das die Gondel mehr als zweihundert Meter über den Boden geschliffen wurde. Vereinzelt lagen abgerissene Blechteile herum und funkelten in der gerade untergehenden Sonne. Prager stolperte beinah über einen Fetzen des Bespannstoffes der Hülle. Er stand nun am Rand des Plateaus. Die Sonne blendete ihn als er über den Horizont blickte. Er sah herab. Ein bedrohlich brummender Schatten tauchte aus der Tiefe zu ihm empor. Es war das Schlachtschiff das langsam über den Rand stieg. Die Motoren waren gedrosselt. Sie wollten vorsichtig über den Rand steigen und schauen ob das kleine Schiff nicht eventuell auf sie lauerte. Durch die schwer einzuschätzenden Winde und die Trägheit eines so großen Schiffes keine leichte Sache für einen Steuermann. In der Gondel des Schlachtschiffes war alles Licht gelöscht um nicht gesehen zu werden. Auch sollten sich die Augen der Schützen an die Dunkelheit gewöhnen. Kurz bevor die Gondel über den Rand stieg wurden die Motoren abgestellt. Prager stand jetzt im Schatten des Schiffes. Er war in völlige Dunkelheit getaucht. Er griff sich langsam in die rechte Manteltasche und holte die Signalpistole heraus die er eingesteckt hatte. Aus der anderen Tasche eine Leuchtpatrone und lud damit die Pistole. Er atmete ganz still. Langsam, vom Wind geschoben, kam das Schiff auf ihn zu. Er hörte das Durchladen von Maschinengewehren. Er hob die Waffe und streckte die Arme fest durch. Die Gondel kam näher und war jetzt nur noch vierzig Meter von ihm entfernt. Er hörte das säuseln des Windes um die Streben der Motoren, das sirren von Spannseilen und dann endlich das Geräusch auf das er gewartet hatte: das Klappern von Munitionsketten. Er schoss auf das Geräusch. Das Leuchtgeschoss löste sich mit einem Knall von der Pistole und zischte durch die Nacht. Plötzlich war der Teufel los. Schreie von der erschrockenen Mannschaft aus dem Schiff, ungezieltes MG-Feuer der geblendeten Schützen prasselte aus allen MG-Luken. Prager rannte, ohne sich umzusehen, so schnell er konnte auf das Wrack seines Schiffes zu um sich dahinter in Deckung zu bringen. Das einzigen Lichter waren die zuckenden Mündungsfeuer. Diese wurden langsam zu einem lodernden Schein der einen langen Schatten von ihm warf. Prager rannte am Wrack seines Schiffes vorbei ohne das Licht richtig war zu nehmen. Erst als er kleinere Explosionen hörte merkte er dass nicht mehr auf ihn gefeuert wurde. Er sprang in ein Erdloch und schnaufte. Die Mannschaft des Schiffes hatte schwer mit dem löschen des Feuers zu tun das die Signalkugel entzündet hatte. Der vordere Teil der Gondel in der auch der größte Teil der Waffen untergebracht war brannte lichterloh. Es gab einige kleine Explosionen. Prasseln von entzündeter Munition hallte über das Plateau. Einer der Motoren wurde gezündet. Der Motor heulte auf und begann durch den einseitigen Vortrieb das Schiff zu drehen und vom Plateau weg zu treiben. Eine große Explosion in der Gondel blendete Prager. Es hatte wohl die Tanks erwischt. Die ganze Spitze des Schiffes brannte nun. Mit einem dumpfen Knall Platzte die vorderste Gaszelle. Kurz darauf zwei weitere. Einige Besatzungsmitglieder hofften sich durch einen Sprung aus der Gondel auf das Plateau retten zu können. Doch sie waren schon über den Rand hinaus und stürzten schreiend in den Tot. Der an der Wand aufsteigende Luftstrom fachte das Feuer noch mehr an. Weitere Zellen Platzten. Das Schiff sackte schnell ab. Ein Teil des Schiffes schlug auf der Felskante des Plateaus auf und blieb brennend liegen, der größte Teil fiel jedoch an der Felswand herab und wurde in Tausende von Teilen zerschlagen die glühend, brennend und rauchend den Weg in die Tiefe suchten. Prager erhob sich und ging langsam auf das brennende Wrackteil zu. Es waren die abgerissenen Ruder und ein Teil des Hecks. Die Hülle war schon fast zur Gänze abgebrannt. Gummidichtungen, Schmierstoffe und einige Holzteile gaben noch kleine Flammen von sich als Prager am Wrack ankam. Vor ihm bewegte sich etwas. Ein Tier? Nein, ein Mensch. Kaum noch als solcher zu erkennen. Ein Körper mit schwersten Verbrennungen. Das rechte Bein und den rechten Arm hatte er verloren. Mit den übriggebliebenen Extremitäten versuchte dieser sterbende zu kriechen, sich vor dem Feuer zu retten das ihn doch schon verzehrt hatte. Einige Male noch scharte der Arm im vom Ruß geschwärzten Sand, zuckte der Fuß, dann Stillstand und Tot.

Prager wurde durch einen dicht am Fenster vorbei fliegenden und dabei lauthals kreischenden Vogel aus den Erinnerungen gerissen. Selbst nach zwanzig Jahren bewegten ihn die Erinnerungen an diese Erlebnisse stark. Er fuhr sich langsam mit der Hand durch das Gesicht als könnte er sie damit wegwischen. Er wusch sich am Waschtisch im Erker und genoss dabei die frische Luft. Immer mehr Vögel wurden draußen aktiv und zwitscherten durcheinander. Am Horizont war der erste schwache Schimmer der aufgehenden Sonne zu sehen. Den Anzeichen der Natur nach sollte es ein herrlicher Tag werden.